Voices from Childhood

 

ein Brief von Barbara

 

Ich kann nicht 'liebe' Eltern schreiben, weil Ich das Wort Liebe im Zusammenhang mit euch nicht denke und fühle. Die zärtliche Bewunderung, Anhänglichkeit und Hingabe, die Ich als Kind für euch empfand, habt ihr grotesk ausgebeutet: ihr habt Meine Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken ausgelöscht und verbannt, damit Ich ausschließlich eure Gefühle erlebte, eure Erwartungen und Wünsche – OHNE WIDERWORTE!! – erfüllte und damit Ich Mich eurem Denken und Wollen als der einzig gültigen und richtigen Macht bedingungslos beugte und unterordnete. Ich mußte eure Perspektive übernehmen – und ausschließlich, ganz und gar, an und auf eurer Seite sein.

An und auf Meiner Seite hatte Ich niemanden. Dort durfte und sollte niemand sein, Ich Selbst schon überhaupt nicht. Alle Meine Bedürfnisse waren in euren Augen ein Verbrechen. Meine wahren Gedanken und Gefühle wurden als Unverschämtheit, Anstellerei, Torheit oder Hysterie verurteilt und verdammt, und mit Hohn, Drohungen und Strafen als das furchtbarste "Verbrechen Widerspruch" unterdrückt.

Nichts Wahres und Eigenes von Mir durfte leben. Meine Perspektive habt ihr nie hören, geschweige denn kennen und verstehen wollen. ihr hattet alle Macht und habt sie skrupellos mißbraucht. Ich wurde von euch zum willigen Sklaven programmiert – und so diente Ich euch ergeben und ohne jemals aufzubegehren. Ich war nur von euren Erwartungen, Gefühlen, Nöten, Sorgen, Problemen und Wünschen erfüllt – Meine eigenen hatten keinerlei Recht zu leben. Ich wurde zum Mitleiden mit euch erzogen. Mein wahres Selbst habe Ich abgelehnt und unterdrückt. Ich sollte und konnte es viele Jahre Meines Lebens nur verurteilen, verdammen – und sogar hassen.

Die Ungerechtigkeit, die Ich ertragen mußte und gegen die Ich als Kind nicht aufzubegehren wagte, schrie gen Himmel. Mein ganzes Leben habe Ich leidenschaftlich gegen Ungerechtigkeit gefühlt--und mehr und mehr kann Ich dagegen kämpfen und aufbegehren. Ich hasse Ungerechtigkeit.

ihr durftet lügen, Mich täuschen und betrügen – doch Ich wurde schwer dafür bestraft, wenn Ich die Wahrheit sagte. du, Mutter, verlangtest, daß Ich ja niemals lüge; du hast Mich geschlagen, angeschrieen und Mir den Mund ausgewaschen. Doch du selbst hast Mich schamlos und gewissenlos angelogen. Einmal, als ich dich als Erwachsene darauf ansprach, hast du Mir in spöttischem, arroganten Ton erwidert: "Dann habe ich eben gelogen."

du durftest lügen – doch Meine Wahrheit war, und blieb auch im erwachsenen Alter, ein Verbrechen Sie wurde nicht geglaubt – stattdessen angegriffen, verhöhnt und verspottet. Meine Wahrheit wurde als Lüge diffamiert. Und wenn ich Mich vor deinen jähzornigen Ausbrüchen zu beschützen suchte – dann wurden Meine Ausreden als Lügen angeklagt und schwer bestraft. Alles Recht und alle Macht waren immer nur auf deiner Seite und gegen mich.

du hast auch in Gegenwart anderer, oder auch zu einem späteren Zeitpunkt, geleugnet, was du zuvor zu Mir gesagt oder Mir angedroht hattest. Ich kann immer noch dieses entsetzliche Gefühl erinnern, wenn Ich den Boden unter den Füßen verlor – und abstürzte – weil Ich Mich auf dich und deine Worte nicht verlassen konnte.

Bis zur Therapie hatte Ich Todesangst vor dir. deine Schläge, die Ich schon als Baby ertragen mußte, und deine verbalen Angriffe waren Folter für Mich, die jede Zelle Meines Körpers von Terror und Angst erzittern ließen – auch noch Jahre später als Ich längst eine erwachsene Frau war. Als Ich keine Angst mehr vor dir hatte, wurde Ich als der gefährliche Erzfeind angegriffen und bekämpft und wie wertloser Müll fallen gelassen und verbannt.

Ich konnte erst leben und Ich Selbst, Ich Barbara, sein, als Ich Mich ganz dir und dem Krieg, den du gegen Mich geführt hast, entzog.

Vater, es war so schwer und schmerzlich für mich dich zu durchschauen, da du dich als der lebensfrohe, nicht schlagende, gute Elternteil präsentiertest. du hast nicht nur nie Mich vor ihr beschützt sondern du hast sie die schmutzige, böse Arbeit machen lassen – um dann das total verängstigte Kind wie ein angebeteter Gott, ohne jede Mühe, schrecklich manipulieren und in die Irre führen zu können. Du hast Mich sogar sexuell mißbraucht.

Wie lange habe Ich gebraucht um dich in Frage stellen zu können und um Meine berechtigte Wut und meinen Hass auf dich fühlen und annehmen zu können. Wie lange habe Ich gebraucht um erkennen zu können, daß du ein gewissenloser, kranker Mann warst; ein fruchtbarer Lügner, der von Ehre, Vaterland, Anstand und Gewissen schwafelte und schwatzte. Doch du hattest in dir keine Ehrlichkeit, keine Integrität, und keinen Sinn. dein Frauenhass war bizarr und krankhaft. Er zerstörte, mit dem Inzest, das geringe Selbstbewußtsein in Mir, das die frühe Kindheit überlebt hatte.

Ich bin stolz und froh, daß Ich euch los bin – daß die grauenhaft Bürde eurer Mißhandlungen; daß die Mich so quälenden Gefühle und Ängste; daß der furchtbare Selbsthass; daß die Angst vor dem Leben und vor Veränderungen durch ausdauernde therapeutische Arbeit aus Mir gewichen sind. Nun kann Ich endlich lieben und leben und Liebe erfahren, Meinem Leben Sinn geben und Meiner schon so lange ersehnten Berufung folgen.

Nun sorge Ich für das Kind in Mir – für ihre Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle und Träume – so gut wie Ich es nur kann, und so wie ihr es nie getan, gewollt und für richtig erachtet habt. Ich bin ihre Mutter geworden, die sie mit Geduld, Verständnis und Liebe anhört, begleitet und unterstützt. Ich bin es, die ihr bedingungslos glaubt und ihre Erinnerungen, Traumen, Klagen, Gefühle, Bedürfnisse und ihren Schmerz ernst nimmt und ihr immer glaubt. Ich nehme ihre Wahrheit an und verschaffe ihr Ausdruck.

Ich habe etwas Machtvolles geschaffen und vollbracht. Ich habe Meine Seele und das leidende Kind erlöst. Ich habe heute die Kraft, gegen Mir sinnlos zugefügte Schmerzen, gegen das duldsame und alles ertragende Leiden, und gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren. Ich kann Mich endlich aus verletzenden Beziehungen und Situationen befreien. Ich kann heute anderen Grenzen setzen und Nein sagen, wenn Mir ihr Verhalten weh tut und schadet. Ich kann mich für Mich Selbst und für Meine Bedürfnisse einsetzen. Ich habe echte Selbst-Liebe geschaffen, die Mich befähigt, dort zu lieben, wo Mir Achtung, Ehrlichkeit, Offenheit, Vertrauen und Verständnis begegnen. Ich habe Mein Leben und Mich verändert. Ich bin stolz auf Meinen Weg.

Barbara