Voices from Childhood

Brief an M.

An M.

„M.“ steht für „Mama“. Das ist das Wort, das du nicht ausgeschrieben hast in deinen Briefen und Notizen an mich. Alles in dir rebellierte bei diesem Wort, denn eine Mama, eine Mutter, warst du nie, wolltest du nie sein für mich. Deine Abkürzung M. charakterisiert dich gut: reduziert und verschlossen. Der Punkt dahinter ist die Mauer, die dich umgab. M., die unerreichbare Mutter.

Du hast mich nicht geliebt, zu keinem Augenblick. Von dem Moment an, als du wusstest, du bist schwanger, lehntest du mich ab. Ungerührt erzähltest du mir, dass du mich, da unerwünscht, abtreiben wolltest mit schweren Grippemedikamenten. „Ein Wunder, dass du nicht behindert warst.“ Mit diesem Satz pflegtest du diese Geschichte zu beenden. Ich nickte jedes Mal erleichtert und spürte jahrzehntelang nicht das Grauen, das in diesen Sätzen -  nein, in DIR lag.

Doch nun bin ich wach, sehe klar und nehme die Wahrheit an. Nicht länger gehe ich dir auf den Leim. Nicht länger bemitleide ich dich und dein verdorbenes Leben an der Seite deines widerlichen, brutalen Ehemannes, der mich gezeugt hat.

Endlich habe ich mein inneres Kind, die kleine S., gefunden. Ich höre ihr zu und umarme sie; ihr gehört mein Mitleid, meine Liebe. Sie erzählt mir von den Qualen, die sie erleiden musste deinetwegen, du kalte, grausame Mutter.

Schon durch deine Nabelschnur kam der Terror in mich gekrochen. Dein Hass trieb mich aus dir, ich konnte diese Hölle nicht länger ertragen: Das ist der Grund für meine zu frühe Geburt. Was mich erwartete, war eine tief frustrierte, gefühlstote Frau, die ihr Kind nicht annehmen wollte. Du stilltest und wärmtest mich nicht, du verweigertest jeden Körperkontakt. Mein verzweifeltes Schreien nach dir erfüllte dich mit Zorn. Wie dringend hätte der noch nicht ausgereifte kleine Körper deine Liebe, deine Wärme, deine Zärtlichkeit gebraucht! Ich mühte mich zu überleben, in mir das lebensbedrohliche Gefühl von Verzweiflung, Einsamkeit und Angst. Doch du bliebst fern, fühltest dich mit einem ungewollten Kind gestraft, nun vollends an den ungeliebten Mann gebunden. Doch ich hatte euch nicht gebeten, mich zu zeugen! Euer Kind sein zu müssen, ist eine Bürde.

War es verwunderlich, dass ich anders aussah als die geliebten und beschützten Säuglinge deiner Bekannten? Deine Geschichte von jener Mutter, die sich über deinen Kinderwagen beugt, mich verächtlich betrachtet und sagt: “krank sieht sie aus!“ Doch nicht diese bösartige Frau empörte dich, sondern dein Kind. Ich wurde von der eigenen Mutter beschuldigt, nicht rosig, rund und zufrieden auszusehen. Wie auch! Ich war nicht glücklich, ich war krank an Leib und Seele! Du hast mich schlecht behandelt, mein Leben vergiftet, meine natürliche Entwicklung zerstört.

Nachts wurde ich allein gelassen, um meinen „Trotz“ zu brechen. Es gab Schläge und Gebrüll für den schreienden „ungehorsamen“ Säugling; die Wutanfälle meines Vaters ließen mich Todesangst fühlen. Wo warst du, Mama, warum hast du mich nicht beschützt?

Im Alter von einem halben Jahr musste ich für viele Wochen ins Kinderkrankenhaus. Den wahren Grund dafür kann ich nicht mehr erfahren, die Akten sind lange schon vernichtet. Aber eure Version ist eine dreiste Lüge. Ihr „besuchtet“ mich an den Sonntagen: Durch eine Glasscheibe konntet Ihr euer Baby beobachten. Ihr habt sie nicht aus dem Bett herausgehoben, liebkost und getröstet. Sie wusste nicht, dass ihre Eltern da waren. Vielleicht war es auch besser so, nachdem was passiert war.

Auch eine deiner Geschichten: Ihr beobachtet, wie ich, 6 Monate alt, in der Krankenstation die Ärmchen aus dem Gitterbett strecke und nach Kontakt suche - wie der Säugling im Bett daneben. Die Händchen der Kinder finden sich zufällig und betasten sich: zwei stumme Babys, die längst aufgegeben haben, nach der Mutter zu schreien, die verzweifelt sind vor Sehnsucht und Schmerz. Du, M., gefühlstotes Monster, stehst hinter der Glasscheibe und findest diese Szene „nett“! Du bist froh, dass das ungewollte Wesen so lange nicht zu Hause ist.

Meine Kindheit war geprägt von Vorwurf und Bestrafung. Ich wurde für meine Existenz beschuldigt. Nichts konnte ich dir und ihm recht machen. Es gab keine Nähe, keine Liebe, keine Zärtlichkeit, kein Wohlwollen. Nie hast du mich umarmt, getröstet oder einfach nur zugehört. Ich war ein überflüssiges, herumgestoßenes, einsames und verlassenes Kind, das vor dem Vater floh und vergeblich versuchte, dich, die Mutter, zu erreichen, deine Liebe zu „verdienen“. Wie schlecht ich mich fühlte, wie schuldig, wie vergeblich mein Bemühen, es „gut“ zu machen. Ich hatte keine Chance.

Du hast mich nie beschützt, wenn mein cholerischer Vater grundlos ausrastete, mich anbrüllte und verprügelte, weil er sich, von seinem Berufsalltag ständig überfordert, an mir abreagieren wollte. Wenn ich vor ihm die Hosen herunterziehen musste, damit er mich auf den nackten Po schlagen konnte und ich mich danach auch noch entschuldigen musste. Ich durfte nicht weinen während seiner sadistischen Wutanfälle. Er schlug mich erneut, wenn ich meinen Schmerz, mein Weinen nicht länger unterdrücken konnte: Er bedrohte mich mit wutverzerrtem Gesicht und schlug zu, wenn mein Weinen lauter wurde. Du standest teilnahmslos dabei und sagtest nichts, du Hexe. Alles in mir war Angst, Schmerz, Demütigung und Vernichtung. Wie hätte ich in solchen Momenten noch rechnen oder schreiben können?

Am liebsten hätte ich mich aufgelöst, wäre weggelaufen, aber wohin? Ich war euch Sadisten ausgeliefert, ich war eure Sklavin, und ihr quältet mich. Ich war die praktische, wehrlose Projektionsfläche für euren angestauten Hass, für euer beider Lebensfrust. An eurem Kind habt Ihr euch ausgetobt.

Ich klage dich an. Du hast mir jahrelang meine schönen, vollen Haare mit Absicht verstümmelt. Du verpasstest mir eine so scheußliche Frisur, die mich zudem wie ein Junge aussehen ließ. Du wolltest, dass ich hässlich bin. Es half dir, deine Gemeinheiten gegen mich ohne Schuldgefühl auszuleben. Für diese Haarverstümmelung, diese Körperverletzung, die mir damals nicht bewusst war, mit der du auch meine Weiblichkeit, meine Würde verletztest, hasse ich dich besonders.

Du hast oft meine Geschenke, kleine Basteleien meist, Gesten meiner Liebe, verachtet und weggeworfen, du arrogante Frau. Eine der schlimmsten Demütigungen erlebte ich, als ich mit 10 Jahren auf dem Volksfest bei einer Verlosung den Haupttreffer zog. Ich verzichtete auf meinen Herzenswunsch, einen riesengroßen Teddy, den ich bei freier Auswahl hätte bekommen können. In naiver Gewissheit, dir endlich einmal eine Freude machen zu können, wählte ich ein Service, und voller Stolz kam ich damit nach Hause und schenkte es dir. Nie vergesse ich dein Gesicht, das du zu einem säuerlichen Grinsen verzogst, um mir zu sagen, wie hässlich dieses Geschirr doch sei, du müsstest es wegschmeißen. In mir brach eine Welt zusammen.

Als meine Schwester geboren wurde, war ich neun Jahre alt. Von einem Tag auf den anderen war ich vollends abgeschrieben. Von nun an kam die Folter der absichtlichen Benachteiligung hinzu. Das „Spiel“ des sadistischen Ausgrenzens beherrschtest du perfekt.

Als du einmal meine Schwester in der Babybadewanne badetest, wollte ich gerne dabei sein und mithelfen. Doch du erlaubtest es nicht. Ich musste in großem Abstand abseits stehenbleiben, durfte aber auch nicht das Zimmer verlassen. Du wolltest, dass ich mit ansehe, wie du liebevoll, mit sanfter Stimme und zärtlichen Gesten dein Baby pflegtest, während du mich eiskalt ignoriertest. Es tat weh, „M.“, es tat schrecklich weh. Ich dachte in diesen Minuten, würde doch jetzt nur jemand an der Tür klingeln und sagen: Wir nehmen S. mit, sie ist nicht euer, sie ist in Wirklichkeit unser Kind.

Ich war eine „sehr gute, brave und hilfsbereite“ Schülerin, brachte beste Zeugnisse nach Hause, um euch zu gefallen, um wenigstens für einen kurzen Moment eure beiläufige Aufmerksamkeit zu erhaschen. Meine guten Leistungen waren für euch selbstverständlich; hatte ich aber einmal schlechtere Noten, wurde ich gründlich bestraft. Wie oft bekam ich wegen Nichtigkeiten Hausarrest, wurde ich in den Keller oder in die Speisekammer gesperrt, verprügelt und immer wieder angebrüllt – euer Sadismus kannte keine Grenzen.

Du hast es genossen, mich zu quälen oder zuzuschauen, wie ich gequält wurde. Schäm dich, M., schäm dich dafür, dass du deine Tochter, die dir in Liebe ergeben war, die dir verzweifelt nachlief und dich bemitleidete, dir immer helfen wollte, so schrecklich betrogen, belogen und misshandelt hast.

Du hast mich nicht geschützt vor den sexuellen Übergriffen deines perversen, unkontrollierten Ehemannes. Alle Zeichen dieser sexuellen Gewalt hast du empfindungslos übersehen. Wie viele Dosen Penatencreme wurden an mir verbraucht, um meine ständig entzündete Scheide zu behandeln! Eure Hände, deine, die der Haushälterin, berührten mich deshalb immer und immer wieder in meinem intimsten Bereich. Ständig musste ich mich hinlegen und die Beine spreizen, mich ausliefern: Es war mir so unangenehm! „Mein Pippi brennt“, klagte ich als Dreijährige, und schon die Ein- und Zweijährige litt ständig unter Blasenentzündungen. Ich musste ewig lange auf dem Töpfchen sitzenbleiben und durfte nicht aufstehen, ich erinnere mich klar. Alles war entzündet, und niemand interessierte sich dafür.

Mir wurde jahrelang sexuelle Gewalt angetan von diesem Monster, das sich „Papa“ nannte, und niemand in diesem unfrohen, gestrengen Haus hatte den Mut einzugreifen. Weder du noch unsere ebenfalls so bösartige und sadistische Haushälterin, diese verbitterte und verklemmte, erzkatholische Pfarrersköchin, der du mich gnadenlos ausgeliefert hattest all die Jahre. Wie sie mich „erzog“, quälte und terrorisierte, alle meine Schritte kontrollierte. Alles war Schuld und Sünde, verboten und schlecht. Der allmächtige, allwissende und strafende Gott verfolgte mich bis unter die Bettdecke.

Ich klage dich an. Wo warst du, Mama, wo war wenigstens deine Verantwortung einem wehr- und schutzlosen Kind gegenüber? Wie lange kann eine Ehefrau und Mutter schweigen, wenn der Ehemann und Vater nachts ins Kinderzimmer schleicht, um sich von seiner kleinen Tochter sexuelle Befriedigung zu holen?

Was hast Du gedacht, als ich stets so große Angst vor der Nacht hatte, als ich mich nicht alleine im Zimmer zu schlafen traute und nur mit Mühe zu beruhigen war, nur mit dem Versprechen, dass die Tür aufblieb und im Flur das Licht brannte? Was hast Du gedacht, als ich mir, vier-, fünfjährig, meinen sperrigen „Stummen Diener“, jenen hölzernen Pinguin, der fast so groß war wie ich selbst, ins Bett zerrte, um mich „vor Geistern“ zu schützen? Als ich nur hinter dir in eurem Ehebett liegen wollte, wenn ich manchmal am Sonntag zu euch kommen durfte? Ich erinnere mich an meine Angst vor meinem Vater, wenn er mich in eurem Bett zu sich zog – und du wieder nicht reagiertest, sondern nur lachtest über meine hilflosen Sätze einer erfolglosen Selbstverteidigung: “Mama, der Papa will mich immer fangen!“

Es gab kein Nein für mich, ich musste gehorsam sein. Jede Form von gesundem Widerstand, jedes Aufblitzen von berechtigter Wut und Empörung wurde radikal bestraft und im Keim erstickt. Nie lernte ich es, mich zu verteidigen. Selbstschutz war mir nicht erlaubt. Meine Gefühle, meine Bedürfnisse wurden ignoriert und bestraft. Ich lernte mich aufzugeben, mich schuldig zu fühlen und vollends anzupassen an dich, an ihn, an alle Autoritäten, um zu überleben.

Augrund dieses Musters, das Ihr in mich prägtet mit Gewalt, wurde ich noch einmal Opfer eines sexuellen Übergriffes, als mein Lehrer mich mit 16 Jahren bedrängte, missbrauchte und in eine grauenhafte Hörigkeit trieb, die mich meine komplette Jugend kostete und Jahre darüber hinaus. Du wolltest das Schreckliche vor deinen Augen niemals sehen, es war dir egal. Deine emotionale Blindheit und dein Hass auf mich, die Ungewollte, waren zu groß.

Du wusstest von den sexuellen Übergriffen deines Mannes. Ihr dachtet, ein Säugling, ein kleines Kind versteht nicht, was mit ihm passiert.

Ihr setztet darauf, dass ich mich später mit Sicherheit nicht erinnern würde. Was für eine Verachtung, was für ein Verbrechen! Ich war eine beliebig formbare, benutzbare Masse für euch, die Ihr respektlos und grausam missbrauchtet ganz nach euren Launen und Trieben.

Doch ich erinnere mich! Nach Jahrzehnten der Abspaltung und Depression zeigt mir mein Körper mit klaren, teils sogar sichtbaren Botschaften, was der kleinen S. widerfahren ist, jede Zelle in mir kennt die Wahrheit. Nun bekomme ich Zugang zu diesem Wissen. Meine Träume erzählen in erschreckender Klarheit, was geschehen ist. Flashbacks bestärken mich in dieser Wahrnehmung, und dank guter therapeutischer Begleitung werde ich auch noch die letzten Geheimnisse, die mein Gehirn zu meinem Schutz noch abgespalten hält, lüften und aufarbeiten.

Ich klage dich an, Mama, dich und deinen perversen, abgrundtief bösartigen Mann. Ihr seid Sadisten und Verbrecher, Ihr wart unfähige, grausame Eltern, die ihre Tochter mit Absicht vernichten wollten. Eure glänzende gutbürgerliche Fassade war eine einzige Lüge. Hinter dem schönen Schein einer gut gesicherten Existenz lauerte das Grauen, ein Terrorregime. Eine destruktive Ehe, eine schwer depressive, kranke und gefühlstote Mutter, ein unberechenbares, brüllendes und schlagendes Vatermonster, das sich an seiner Erstgeborenen austobte, sie schändete und entwürdigte.

Dieser lebenslange Vernichtungsfeldzug gegen mich, in den sich meine Schwester, die charakterlose Handlangerin, unterstützend mit einreihte und wofür sie fürstlich entlohnt wurde, betrifft alle Bereiche meines Lebens. Er eskalierte in der nachweislich kriminell ausgeführten materiellen Vernichtung durch euren infamen Betrug und Rufmord im Jahr 2000.

Ihr seid ein würdeloses, geldgieriges und skrupelloses Pack. Auf Kosten anderer, mittels Lüge und Betrug, habt Ihr euch bereichert und euch Vorteile verschafft. Allen voran mein „Vater“, der kriminelle Bankrotteur, der Lügner, Betrüger, Rufmörder und Kinderschänder. Was für eine Lebensbilanz! Ich verabscheue und verachte euch.

Ich habe überlebt. Ich arbeite mich heraus aus schmerzhafter PTBS, aus dem Sumpf der Depression, den ich Dir, M., und ihm verdanke. Ich stelle mich meiner Geschichte, meiner Wahrheit und befreie mich: von ihm und von dir, du fremde, bösartige Frau. Es macht keinen Unterschied, dass du schon jahrelang tot bist.

Ich spüre mich, ich habe mein inneres Kind gefunden. Ich habe Kontakt zur kleinen S. Endlich begreife ich, in welch entsetzlichem Gefängnis ich mein Leben verbrachte. Alle meine Entscheidungen an wichtigen Stationen meines Lebens waren geprägt von meiner schrecklichen Vergangenheit. Sie überschattet mein Leben.

Du hast zeitlebens von mir gefordert, dass ich für dich da bin, und ich war für dich da. Ich war dein seelischer Mülleimer. Du hast dich nur ausgekotzt in mir, deine Telefonanrufe leerten jedes Mal meine Batterie. Du wolltest, dass ich dich bemitleide, und du hast stets mein Mitleid bekommen. Zurück kam nichts. Welch krankhafte Verdrehung der Tatsachen!

Doch damit ist nun Schluss. Je mehr ich spüren kann, wie sinnlos es war, von dir Liebe, Wohlwollen und Schutz zu erwarten, desto näher komme ich mir selbst.

Die Sehnsucht nach Dir hat sich verwandelt in Mitleid für mich und Liebe zu mir selbst. Endlich kann ich meine verlorenen Jahre betrauern. Nicht länger hast du mich an der Angel, du Monster, Du Scheusal, Du Verräterin, Du Verbrecherin, Du Sadistin, Du Lügnerin! Ich habe dich durchschaut.

Wie anders wäre mein Leben verlaufen, hättest du mich einst freudig erwartet, mich gehalten, gestillt, getröstet. Hättest du das Entfalten meiner Talente und meines Wesens mit liebevoller Zuwendung und ermutigender Unterstützung begleitet, hättest du mir Fröhlichkeit und Unbeschwertheit geschenkt. Hättest du mich vor meinem Vater beschützt.

All das konnte ich niemals erfahren. Du hast es verhindert mit Absicht. Dein Neid und deine Missgunst begleiteten mich, dein eiskalter, geringschätziger Blick ist mir deutlich in Erinnerung. Du lebtest in feindseliger Konkurrenz zu deiner heranwachsenden, aufblühenden Tochter, du gönntest mir keinen Erfolg. Was du selber nicht hattest, sollte auch in mir vernichtet werden. Was du selbst erlitten hattest, sollte auch dein Kind erleiden.

Nun aber befreie ich mich von dir und lebe mein Leben. Du hast darin nichts mehr verloren. Die Furien, die du mir schickst, seit ich zu heilen begonnen habe, verlieren an Macht. Die Imprints, die du einst in mich branntest, werden eines Tages aufgelöst sein. Ich bin stärker als du. Ich habe dich und deinen Mann, ich habe das Einzel-KZ meiner Kindheit überlebt.

Ich war ein mutiges Kind trotz aller Einschüchterung. Ihr habt mich um meinen Mut beneidet und mich auch dafür gehasst. Er hat mich gerettet, auch aus Phasen tiefer Verzweiflung. Er begleitet mich nun in meinen neuen Lebensabschnitt und hilft mir, meine von euch verschüttete Lebensfreude wiederzufinden.

Adieu, Mama, Du größte Illusion und Enttäuschung meines Lebens. Du hast mich allein gelassen und um meine Kindheit betrogen. Du hast meine ehrliche Liebe zu dir mit Füßen getreten. Du hast mich belogen. Du hast mich geopfert und schwer verwundet, du wolltest mich töten. Du hast Teile in mir getötet, die Bestand meines Wohlbefindens waren. Aber trotz aller Bemühung konntest du mich nicht vernichten. Ich folgte dir nicht in den Tod, wie du das wolltest, schon damals, als ich mit Anfang 20 mit dir zusammen Schlaftabletten sammelte, damit wir uns gemeinsam hätten umbringen können, wenn du es für nötig gehalten hättest. Dafür wäre ich Ungewollte gut genug gewesen! Wie hast du meine Liebe missbraucht, wie hast du mich eiskalt benutzt! Vorbei.

Mit diesem Brief wende ich mich von dir ab und lasse dich los. Du bleibst zurück in meiner Vergangenheit, deren schmerzhafter Teil du für immer bist. In meiner Gegenwart und Zukunft aber ist kein Platz mehr für dich. Ich finde meine Würde, meinen Selbstrespekt. Ich mache mich auf den Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

S.,

das Baby, das kleine Mädchen, die Jugendliche und die erwachsene Frau

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