Voices from Childhood

Brief an Paul K.

Lieber Vati,

Du bist 13 Jahre lang mein Vater gewesen. In dieser Zeit hast du es geschafft, mich so zu versauen, dass ein normales Frauenleben für mich nicht mehr möglich war. Die Botschaften, die du mir mitgegeben hast, haben aus mir einen seelischen Krüppel gemacht. Wenn ein Mann auf mich zukommt, dann laufe ich weg. Das war schon mein Leben lang so. Früher war es unbewusst, jetzt bewusst. Erst in letzter Zeit bin ich etwas lockerer geworden. Ich habe bis heute nie Kontakt zu einem Mann aufgenommen, aus Angst, ich könnte noch einmal so ein Schwein treffen, wie du eines gewesen bist. Da ich mir auch keine Kontakte mit Frauen vorstellen kann, ist für mich nur die Einsamkeit übriggeblieben.

Ich weiß noch genau, wann ich entschieden habe, niemals zu heiraten. Ich war etwa zehn Jahre alt. Ich lag wieder einmal auf der Erde, du standest über mir und hast mich mit den Füßen in den Bauch getreten. Der Streit mit meiner Schwester war doch nur vorgeschoben, du hast die ganzen Frustrationen deines Lebens in mich hineingeprügelt, über deine Ehe, deine berufliche Situation, über alles. Ich habe gehört, was du gedacht hast: Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld.
Als ich in unserer Dachkammer geboren wurde, bist du aus dem Zimmer gegangen. Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl grenzenloser Demütigung und Unwichtigkeit erinnern, das ich hatte. Am wichtigsten Tag meines Lebens gehst du einfach weg. Ich konnte das nicht wissen, dass die Hebamme dich weggeschickt hat. Nie konnte ich als Baby richtig schlafen. Du hast von morgens 8 Uhr bis abends 22 Uhr auf deinem Instrument geübt, bis die Nachbarn mit dem Besenstil an die Decke klopften. Außer, wenn wir bei Oma waren oder spazieren, musste ich immer zuhören. Ich hatte als Baby immerzu die Augen auf. Was hätte ich sonst tun sollen? Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich unwichtig bin. Nachts konnte ich auch nicht schlafen, da musste ich mir euer Gestöhne anhören. Ich hatte immer Angst, dass jemand stirbt und ich ganz alleine auf der Welt zurückgelassen werde. Ihr habt ja nicht zu mir gesagt: Pass mal auf, Baby, heute Nacht stöhnen wir wieder, du brauchst keine Angst zu haben, es ist nicht gefährlich, es hört sich nur so an. Morgen früh, wenn du aufwachst, sind wir alle noch da. Wir lassen dich nicht im Stich. Weil ich das nicht wusste, habe ich j e d e Nacht Angst gehabt und die Augen aufgehabt und gelauscht. Erst als ich vier Jahre alt war, sind wir umgezogen und ich bekam ein eigenes Kinderzimmer. Jetzt hatte ich keine Existenzängste mehr, aber dein Üben hörte ich immer noch genauso laut durch die Tür. Diese vielen Jahre, in denen ich nichts sagen durfte. Manchmal hätte ich am liebsten geschrien. Aufhören, aufhören, aufhören!! Ich durfte das aber nicht, es wäre völlig sinnlos gewesen. Ich habe für dich nicht gezählt. Ich musste alles aushalten, was ich auch gesagt hätte, es hätte ja doch nichts genützt. Auch heute halte ich Misshandlungssituationen viel zu lange aus, bis ich mich wehre. Trotz allem habe ich dich angebetet, du warst sehr sympathisch, und manchmal auch liebevoll und zärtlich, jedenfalls als ich noch ganz klein war. Ich mochte dich lieber als meine Mutter, weil du gesünder warst. Ich habe dich geliebt und du hast meine Liebe mit Füßen getreten. Weißt du noch, wie du einmal vergesssen hast, mich vom Kindergarten abzuholen, weil du so viel geübt hast? Dann musste mich die Kindergärtnerin nach Hause bringen. Kannst du dir nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist für ein fünfjähriges Mädchen, wenn alle Kinder abgeholt werden und ich bin als einzigstes Kind vergessen worden? Diese ständige Angst, vergessen zu werden, habe ich bis heute.
Wenn wir gereist sind, musste ich in deinem Bett schlafen. Ich durfte kein Nachthemd anhaben und habe mich zu Tode geschämt. Wenn ich ein Nachthemd haben wollte, sagtest du, ich brauche kein Nachthemd, weil Sommer ist. Du hast mich benutzt wie einen Gegenstand.

Damals fing ich an, depressiv zu werden. Manchmal kamst du nachts nach Hause, hast mich aus dem Bett gerissen und mir deine Zunge in den Hals gesteckt. Ich habe darauf gewartet, dass du mir erklärst, was es bedeutet, aber du hast mich in grenzenloser Gefühlsverwirrung zurückgelassen. Was hast Du Dir eigentlich dabei gedacht, Du Arsch, kannst Du mir das einmal sagen? Manchmal bist du nachts überhaupt nicht nach Hause gekommen und ich habe gewartet und gewartet. Dann bist du doch zu M. zurückgekehrt. Als meine Schwester aus dem Waisenhaus geholt wurde, war ich sehr eifersüchtig und fing an sie zu piesacken und zu schlagen. Daraufhin hast du mich immer zusammengeschlagen, bis ich auf der Erde gelegen bin. Als ich acht Jahre alt war, lockte mich der B. in der Schule in den Keller. Er sagte, ich darf nichts weitererzählen, weil sonst M. stirbt. Bis heute weiß ich nicht, was da passiert ist. Die Drohung wirkt wohl bis heute. Ich glaube, erst ab da bin ich richtig aggressiv geworden. Warum hat nie jemand von euch sich mit mir beschäftigt und versucht, mich zu verstehen? Ich war immer nur das böse Kind, die, die an allem schuld war. Wenn M. im Krankenhaus war, musste ich immer zu dir ins Bett kommen. Was war das für eine Tablette, die ich immer nehmen musste, wenn ich zu dir ins Bett kommen musste? Warum kann ich mich an so wenig erinnern, was dort passiert ist?

Wenn ich ein Bild für meine Kindheit finden sollte, dann sehe ich ein etwa zehnjähriges Mädchen auf dem Schulhof in der Ecke stehen. Niemand spielt mit ihr. Sie sondert sich selber ab. Sie schämt sich über ihre Existenz zu Tode. Sie zweifelt daran, ob sie überhaupt ein Recht zum Leben hat und ob sie nicht schon lange tot sein müsste. Sie möchte sich in Luft auflösen, im Erdboden versinken. Niemand steht in der Ecke und Hunderte von Kindern können das auch noch sehen, dass da ein Kind in der Ecke steht, mit dem etwas nicht stimmt. Das verschlimmert die Situation ins Unendliche. Jede Pause wird zur Unendlichkeit. Niemand steht nackt in der Ecke und schämt sich über seine Existenz zu Tode.

Mein ganzes Unglück ließ ich an meiner Schwester aus. Daraufhin hast du mich misshandelt, zusammengeschlagen, mit den Füßen in den Bauch getreten usw. Dann war ich natürlich noch unglücklicher und meine Schwester wurde wieder geschlagen. Dann hast wieder du mich geschlagen. Es war ein Misshandlungskarussell, das sich über einen Zeitraum von fünf Jahren erstreckte. Als ich dreizehn Jahre alt war, konnte ich nicht mehr. Ich habe Tag und Nacht nur noch gedacht: Der Mann muss weg. Wie H.P. habe ich nachts im Bett Zauberformeln gemurmelt, mit denen ich dich umzubringen wollte. Wie konnte ich wissen, dass es funktionieren würde? Nach vierzehn Tagen bist du tot im Bett gelegen. Natürlich habe ich gedacht, dass ich schuld bin, ich war ja erst dreizehn Jahre alt. Meine Kindheit war damit beendet.

Wenn ich heute an dich denke, dann habe ich manchmal die Idee, auf den Friedhof zu gehen, deine Knochen auszugraben und auf dem nächsten Bauernhof vor die Schweine zu schmeißen. Wie du weißt, bin ich noch nie an deinem Grab gewesen. Als ich dreizehn Jahre alt war, wollte ich dich in diesem Leben nie mehr wiedersehen. Ich will dich auch in einem eventuellen nächsten Leben nicht mehr wiedersehen. Wenn ich dein Instrument im Radio höre, fange ich immer noch an zu weinen, obwohl es vierzig Jahre her ist. Dreizehn Jahre lang bist Du mir damit auf der Seele herumgetrampelt. Ich wünschte, ich hätte dich nie gekannt.
Du warst du größte Enttäuschung meines Lebens.
Warum hast du mir das angetan? B

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