Voices from Childhood

Brief an meine Eltern

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Art.1 Abs.1 Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

An H. und L. R.

Ich weiss, dass es nicht euren moralischen Vorstellungen entspricht, wenn ich euch schreibe, um auszusprechen, wie ihr mich in Wahrheit behandelt habt. Aber diese moralischen Vorstellungen von "verschone deine Eltern um jeden Preis", denen ihr selbst so treu gefolgt seid und die ihr mir durch eure gewaltsame Erziehung einverleibt habt, halten mich nun nicht mehr davon ab, die Wahrheit über das Elternhaus meiner Kindheit auszusprechen.

Zu lange hat mich die verinnerlichte Angst vor Mutter und Vater davon abgehalten, meine Eltern mit ihren gewalttätigen Erziehungspraktiken zu konfrontieren. Bisher fehlten mir noch die Worte dafür und ich brach in verbale Gewalt ihnen gegenüber aus und zerstörte vor Wut sogar einen Fernseher, was mich daraufhin wieder veranlasste, mich für den Wutausbruch zu entschuldigen.

Heute nehme ich diese Entschuldigung zurück, denn ich halte es für nicht angemessen, mich für einen vergleichsweise harmlosen Wutausbruch gegenüber Menschen zu entschuldigen, die mich jahrelanger Gehirnwäsche, Manipulation und Sadismus aktiv und passiv ausgesetzt haben und dies in keinster Weise einsehen geschweige denn bereuen.
Stattdessen forderst du, L., in einem Schreiben lediglich, ich solle dir vergeben. Was soll ich dir vergeben??? Du schreibst: "Darum bitte ich dich, mir zu verzeihen, da du diese Liebe oft nicht in mir gesehen hast." Was, bitte schön, frage ich mich, soll ich dir verzeihen???? ICH soll DIR verzeihen, dass ICH deine Liebe oft NICHT GESEHEN HABE???? Damit gestehst du mir (und dir selbst) noch nicht einmal die AB-WESENHEIT von väterlicher Liebe ein, sondern schmetterst meine Anklage mit der Unterstellung eines SEH-FEHLERS meinerseits ab!!! Auf raffinierte Weise soll somit die Schuld auf meine Seite geschoben werden, währendem du scheinbar um Vergebung bittest.

In Wahrheit handelt es sich nicht um ein Schuldeingeständnis, sondern um eine Schuldzuweisung. Da mir dies nun bewusst ist und da ich mich jahrelang um eine künstlich erzwungene Dankbarkeits- und Vergebungshaltung meiner Mutter H. und v.a. meines Vaters L. bemüht habe, bin ich erstens aus gesundheitlichen Gründen, und zweitens zu der festen Überzeugung gekommen, dass der fortbestehende Kontakt mit H. und L. R. für mich nicht weiter tragbar oder zu verantworten ist.
Zu meiner Mutter H.R. sei anzufügen, dass du nie auf meine Schreiben geantwortet hast, sondern höchstens am Telefon gesagt hast, dass du den persönlichen Kontakt vorziehst, sprich: dass ich mich doch lieber einmal wieder bei euch sehen lassen soll. Dieser Wunsch steht dir natürlich frei, ich behaupte jedoch, dass du dich auf keinen schriftlichen Kontakt einlässt, da du dich nur in deinem "mütterlichen" Rollenverhalten sicher fühlst, in welchem du mich von klein auf konditioniert und beherrscht hast. Eine ebenbürtige Auseinandersetzung wäre eine schriftliche, auf eine solche bist du jedoch nie eingegangen.

An dieser Stelle möchte ich aussprechen, dass die Erziehung meiner Mutter solch dominante, ja regelrecht beherrschende, Ausmasse hatte, dass ich mit Gewissheit von einer schweren Traumatisierung im Kindesalter sprechen kann. Hierauf deutet auch ein ärztliches Zeugnis des Kriseninterventionszentrums Z., welches im September 2007 bei mir eine postraumatische Belastungsstörung im Zusammenhang mit meiner Kindheit und Jugend diagnostizierte.

An konkrete sexuelle Missbrauchserinnerungen in meiner Kindheit kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an Situationen der Todesangst vor meiner Mutter, welche immer wieder völlig unberechenbar und willkürlich sadistische Quälereien an mir ausagierte. Auch muss im Bereich der Reinlichkeitserziehung rohe Gewalt angewandt worden sein, denn ich erinnere mich an solche Szenen als Vierjähriger, die mit Todesangst vor der Mutter verbunden sind.

Mein Vater erzählte mir einmal ganz stolz, dass ich als zwei- oder dreijähriger allein mit meinem BobbyCar zum Krankenkhaus gefahren sei, wo er arbeitete, um ihn abzuholen. Oft deutete er diese grosse Zuneigung, die ich ihm gegenüber lange zeigte als reinen Liebesbeweis. Ich frage mich heute allerdings: Ist es wirklich Liebe, die einen zweijährigen veranlasst sich ganz alleine (!) und ohne die Mutter vorher zu informieren(!) mehrere Kilometer in einer Stadt zu überwinden, um dort den Vater zu suchen??? Liebe??? Nein, gewiss nicht! Ihr mögt es Liebe nennen, doch es war Verzweiflung und Todesangst!!!
Nun werfe ich dir, L.R. endlich vor, was, ich all diese vielen Jahre nicht aussprechen, ja sogar nicht einmal bewusst denken durfte: WARUM hasst du mich vor dieser sadistischen Frau nicht in Schutz genommen! Warum hast du jeden Morgen erneut das Haus verlassen und hast mich mit ihr allein gelassen!!! Ich wartete zwanzig Jahre / 7300Tage / 175200Stunden - bis ich alt genug war, um selbst fort zu laufen. Dann stellte sich heraus, dass mein Vater L.R. sehr wohl von der schrägen Beziehung zwischen meiner Mutter und mir wusste. Das war der Moment als ich definitiv realisierte, dass er es gewusst hatte, aber wahrscheinlich über 20 Jahre weggeschaut hatte. Solch ein Verhalten bezeichne ich als feige und pervers. Es erinnert mich unwillkürlich an ein schaden freudiges, hämisches Wesen.

Ich werde aber auch keine Anläufe mehr machen, mir auszumalen, was in solch einem Mensch abläuft, der solch ein bezauberndes kleines Wesen, wie ich es war, der Manipulation, der Folter und der emotionalen Verarmung überlässt oder sogar bewusst aussetzt. Sei es durch die Hand von H.R. oder anderer sektiererischer Menschen und religiösen Fundamentalisten.

Wenn jener süsse kleine Engel, der sich doch nichts anderes als einen nahen Vater und eine respektvolle Mutter gewünscht hatte, euch nicht von eurer abgrundtiefen Perversität und eurer totalen Unfähigkeit, so etwas wie Liebe zu geben, überzeugen konnte oder wenigstens zur Hinterfragung eures Welt-, Fremd- und Selbstbildes anregen konnte, dann wird ein Erwachsener dies erst recht nicht können!

Deshalb schreibe ich diesen Brief zwar AN euch aber nicht FÜR euch, wie wohl ich ihn euch zusenden werde, da ich keinen Grund sehe die Wahrheit länger verschweigen zu müssen. Dieser öffentliche Brief dient der Wiederherstellung meiner so früh von euch zerstörten Würde.
Da ihr als Ausübende (Täter) einer menschenverachtenden Behandlungsweise, in den 24Jahren meines Lebens, keine Einsicht geschweige denn Reue in eurer Ausbeutung meiner kindlichen Abhängigkeit von euch als Eltern zeigen konntet, sondern im Gegenteil noch durch Schuldzuweisung und unerwünschter penedranter Kontaktversuche (L.R. Herbst 2007) gezeigt habt, dass eure Methoden weiterhin auf Gewaltausübung und deren Verleugnung beruhen, habe ich beschlossen, mich vor etwaigen weiteren Grenzüberschreitungs-, Verharmlosungs- sowie Manipulationsversuchen zu schützen, indem ich jegliche weitere Annäherungsversuche wehement abblocke und im Falle einer persönlichen Annäherung die Polizei einschalte (siehe Einschreiben Herbst 2007 mit Hausverbot).

Im übrigen werde ich von der Traumatologie bestätigt, die bei Traumapatienten im allgemeinen die Vermeidung des Täterkontaktes dringend empfiehlt.

Meine Menschenwürde vor mir selbst und meiner Umwelt gegenüber wiederherzustellen ist eines der Dinge, die nun nicht mehr von euch abhängig sind. Zwanzig Jahre war ich vollkommen von euch abhängig, war eurer Gehirnwäsche, eurem religiösen und sektiererischen Wahn, euren Drohungen und Manipulationen gnadenlos und ohnmächtig ausgeliefert. Nun ist mir die Flucht vor eurem Einfluss gelungen, ich habe das Knäuel meiner Traumatischen, Verlogenen und Verwirrenden Kindheit angefangen zu entwirren, und versuche zurechtzukommen in einer mir bisher völlig fremdartigen Welt, die ihr tunlichst zu vermeiden wusstet, der Realität.

Auch wenn ich durch die Flucht ins Ausland mein bisheriges Umfeld verloren habe, mein Ursprungsland und meine Sprache entbehren muss und hart um meine Existenz kämpfe, habe ich nichts desto trotz vereinzelte Zeugen gefunden, die mit mir trauern, um das was mir angetan wurde und um das, mit was ich lediglich ausgestattet worden bin, da mir so viele Entwicklungen und Erfahrungen in eurer sektiererischen, fanatischen, gewalttätigen, beherrschenden Welt verweigert, ausgetrieben oder verunmöglicht wurden. Zeugen, wie etwa die unabhängige Beratungsstelle Infosekta, die einfühlsame und verständnisvolle Berufsberaterin D.S. und Herr T.G., der mich als erster Mensch in meinem Leben darin bestätigte, Menschen die mich misshandelt haben, nicht lieben zu müssen.

In der Ablösung von euch gibt es nur noch eine Hürde: Die Ausbildungsfinanzierung. Laut Gesetzt seid ihr für meine Erstausbildung finanziell verantwortlich. Ihr habt gezeigt, dass ihr dazu aber nicht bereit seid.
Ich bin nun nicht mehr bereit mit euch auf irgend eine Weise zu kommunizieren. Falls ich überhaupt (nach meinem schweren Trauma) nocheinmal einen Anlauf zu einer Ausbildung machen werde, werde ich über eine Mittelsperson auf euch zurückkommen, denn ich sehe es nicht ein, weshalb ich euch aus dieser Pflicht entbinden sollte, nachdem ihr mir schon so vieles in meinem Leben geraubt und an Entwicklungen verunmöglicht habt.
Bis jetzt habe ich in dieser Sache noch keine rechtliche Unterstützung, aber ich werde auch da nicht mehr meine Menschenwürde und mein Recht auf eine angemessene Erstausbildung abtreten, auch wenn es mir fast lächerlich erscheint, das Recht auf eine Ausbildung von Leuten einzufordern, die mich im Laufe von über zwanzig Jahren systematisch der Menschlichen Achtung beraubt, mein Gutglauben ausgenutzt, mich sexuell begehrt, mich mit religiösen Drohungen gebeutelt, deren Forderungen mich beinahe um den Verstand gebracht haben, und mich in gnadenloser Abhängigkeit und untertänigem Gehorsam gehalten haben!
Was zählen dann noch die Worte Ausbildung oder Beruf, wo vor lauter Schmerz kaum mal Platz für mein Selbst übrig geblieben ist, wo ich mir jeden Zentimeter meiner Unabhägigkeit von staatlicher Fürsorge erkämpfen, wo ich täglich mit meinen Defiziten und Verlusten konfrontiert bin und für lange Zeit verborgene Erinnerungen plötzlich wieder auftauchen, weil ich jetzt erst stark genug bin, sie auszuhalten.

...und all das ohne dass ich je Zeit gehabt hätte mir hier ein Netz von tragenden Mitmenschen aufzubauen.

...und all das inmitten einer Regierung, die sich anmasst, mich einzusperren und mit Drogen zu bedrängen. Wo ich als schwer Traumatisierter für krank erklärt und wo ich falsch informiert und dann sogar eingesperrt werde, wo ich zwangsbehandelt werde und mir grösstenteils vermittelt wird, es könne alles gar nicht so schlimm gewesen, wie ich das erinnere.

Ich habe schweres und furchtbares als Kind ertragen, geschluckt und verdrängt, um es überhaupt durchzustehen. Erst als ich mit 23 in Sicherheit war, konnte ich viele Erinnerungen erstmals zulassen, und sie haben mich manchmal fast überschwemmt.
Ich habe unglaubliches geleistet und bin es mir schuldig, dies zu würdigen, weil es sonst niemand tut.
Ich werde nicht davor zurückschrecken, diesen Brief zu veröffentlichen.

Die Würde des Menschen wird vielfach gebrochen und selten wiederhergestellt.
D.R.

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