Voices from Childhood

 

Wahre Grabrede

 

Meine liebe Tochter,
du glaubst nicht, wie es mich schmerzt, dass du dir das Leben genommen hast. Wie konntest du mir das nur antun? Hab ich dich nicht immer geliebt? Wie mein eigen Fleisch und Blut?
Mädle, ich habe dich SO liberal erzogen! Aus größeren Entscheidungen habe ich mich immer rausgehalten, das konntest du prima mit Mutti regeln. Und ehrlich gesagt, war es mir auch scheißegal… oh, das hab ich jetzt nicht gesagt… wollte sagen, ich hatte ja immer SO VIEL zu tun! Und – aber das bleibt jetzt unter uns – ich bin Mutti aus dem Weg gegangen, weil ich dir unseren Streit nicht zumuten wollte, du warst ja immer schon ein sehr empfindsames Kind. Du weißt, dass unsere Ehe eine Katastrophe war, die reine Hölle, aber das erzähle bitte niemandem da draußen, das geht niemand was an.
Ich wollte dich doch nur schützen vor den bösen Männern im Dorf. Du weißt ja, da gab es so komische Typen, denen sah man schon von weitem an, dass sie Kinderschänder waren. Zum Glück warst du zu Hause sicher. Warum deine Brüder dich immer gequält haben, ist mir ein Rätsel. Dass ich sie ein paar mal mit dem Gürtel versohlen musste, kann ja nicht die Ursache sein.
Weißt du, jeder Mensch hat so ein gewaltsames Potential in sich, so ein Art Todestrieb, hat das nicht Sigmund Freud schon gesagt? Ich habe zum Beispiel als Kind immer Tiere gequält.
…Ja, mein Vater hat mich brutal geschlagen und das Kuckuckskind im Bauch meiner Mutter getötet, aber das darf niemand wissen, hörst du?
Eigentlich bin ich ja deshalb Pfarrer geworden, weil ich damit nicht klar kam, auch nicht mit der erdrückenden „Liebe“ meiner Mutter.
Zum Glück kamt ihr lieben Kinder dann in mein Leben, so konnte ich endlich die mir zustehende Macht zurückgewinnen.
Aber weißt du, was ich dir nicht verzeihen kann? Daß du dich mit Händen und Füßen gewehrt hast, als ich dich als 4-Jährige zum ersten mal vergewaltigt habe. Was sollte ich Mutti denn erzählen, woher die Kratzspuren kamen? Das war wirklich eine blöde Situation für mich. Später hast du dich zum Glück nicht mehr gewehrt, denn es hat dir ja auch Spaß gemacht, gell?
Blöd war dann später aber, dass du so oft von deinen Brüdern besetzt warst, da konnte ich dann nicht mehr so oft ran. Das hat mir ganz schön die Laune verdorben. Sei’s drum, Schwamm drüber, vergeben und vergessen. Das spielt ja jetzt alles keine Rolle mehr.
Im Großen und Ganzen bin ich dir aber zu großem Dank verpflichtet. Hätte ich dich nicht ausbeuten können, dann hätte ich mir sicherlich schon mit Ende zwanzig das Leben genommen. Dank nicht mir, dass ich dich gezeugt habe, ich dank DIR!
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen.