Voices from Childhood

 

an meine Mutter

An meine Mutter

Ab sofort werde ich keinen Kontakt mehr zu Dir haben.

Weder  telefonisch, per email, Brief noch  über meinen Bruder oder über meine Töchter.

Auf Deine  Hilflosigkeits-Masche werde ich nicht mehr reagieren.
Du, die so manchen Teppichklopfer auf mir zerkloppt hat, mich ans Bett gefesselt hat, mich eingesperrt oder im Winter im Nachthemd ausgesperrt und gedemütigt hat und mir auf meinen Lebensweg mitgegeben hat, dass ich nicht gewollt, schlecht, triebhaft und eine Zumutung (Daseinsberechtigung) bin, kommst jetzt im Alter an und jammerst über Deinen hohen Blutdruck, inszenierst Unfälle und drohst mit Suizid, wo von mir verlangt wird, dass ich innerhalb kürzester Zeit in irgendeinem Krankenhaus aufschlage, meine Familie und Arbeit vernachlässige und mich um Deine Blumen, Nachthemden etc. kümmere.
Und natürlich bin ich gekommen, natürlich habe ich meine Familie dem Drama unterworfen, natürlich bin ich zusammengeklappt aus Angst um meine Mama. Welche Mama?

Eine, die ich nie gehabt habe und die ich immer ersehnt habe.

Das Warten auf Liebe ist keine Liebe.

Du kannst mich nicht lieben.

Ich liebe Dich nicht.

Ich kenne Deine Strategien inzwischen.
Beschönigen, verleugnen, Reaktionen auf Bösartigkeiten als unangemessen bezeichnen, und das Schlimmste ist, wenn Du am Telefon anfängst zu weinen und zu jammern, was Du mir alles angetan hättest und das täte Dir alles leid. Tut es nicht. Du kommst nur nicht damit klar, dass ich auf Abstand gehe. Außerdem hilft mir das überhaupt nicht weiter. Soll es ja auch nicht. Und dann wurdest Du krank und zack war ich wieder in der Falle.
Die Geschichte mit der Kriegstrauma-Generation hat uns auch nicht weitergebracht. Ich habe lange Zeit versucht, Dich zu verstehen, indem ich Bücher von Sabine Bode und Radebold gelesen habe.

Ich war eher bereit, zu verstehen und zu entschuldigen, was Du mir als Kind angetan hast, als Mitleid mit mir selbst zu haben.

Ich habe sogar die Frau verstanden, die mich abtreiben wollte und mir das auch noch erzählt hat. Wie grausam kann jemand eigentlich sein?

Deine Argumentationen, Verschleierungen und Beschönigungen rauben mir den Atem und ich werde Dir keinen Raum mehr dafür geben:

Es gäbe keinen Grund dafür, dass es mir schlecht geht.
Ich hätte einen netten Partner, wohl geratene Kinder, ein Haus, einen Hund und einen Beruf.
Außerdem hätte ich die Drogengeschichten überlebt.
Warum ich mich jetzt also so anstelle .
Ich würde mich zu viel beobachten. Und zu viel  grübeln.
Ich solle Medikamente nehmen, dann gehe es mir auch wieder besser.

Wie ich als Baby behandelt wurde sei doch völlig normal. Das habe doch jeder so gemacht, damals. Kinder müssten schreien. Kinder müssten lernen, dass sie nicht die Erwachsenen beherrschen, sonst werden sie asozial. Man hat damals Babys nach einem Pflegeplan versorgt und dabei einen weißen Kittel getragen und zu viel berühren war Affenliebe und wer weiß, vielleicht wäre ich lesbisch geworden, wenn Du mich zu viel berührt hättest.
Kinder seien triebhaft und diese Triebe dürfe man nicht fördern, so sei früher die Erziehung gewesen. Du hättest  Dich nur an die Vorschriften gehalten.
Wieso reagiere ausgerechnet ich so komisch darauf, wo doch ALLE ALLE ALLE so erzogen wurden. Dass liege in meiner Person, aber könne auf keinen Fall Deine Verantwortung sein, weil es ja ALLE so gemacht haben.
Alle Babys müssten sich anpassen, weil sie sonst verhungern würden. Von einer Anpassungsleistung meinerseits könne also GAR KEINE Rede sein, denn es mussten ja ALLE und die sind auch nicht verrückt geworden.
Also, nimm PILLEN und warte ab.
- Du siehst, ich habe Dir gut zugehört.

Du hast in mir all Deine Ablehnung, Deinen Hass, deine Verachtung  hinterlassen.

Die Liste meiner Verletzungen ist endlos.

Für mich gibt es keinen guten Zugang zu Körperlichkeit, denn was ich von Dir erfahren habe, waren Schläge und Zwang, Ablehnung von Sexualität und permanente Kontrolle. Was hattest Du eigentlich nachts unter meiner Bettdecke zu suchen? Und glaub bloß nicht, ich hätte nicht als Kind die Lust in Deinen Augen gesehen, wenn Du mich verprügelt hast und gleichzeitig behauptet hast, Du müsstest das tun und es würde Dir keinen Spaß machen, sondern ich sei Schuld daran, dass Dir jetzt der Arm weh täte vom Schlagen.

Ich war immer zu irgendwas….. zu dick, zu laut, zu plump, zu wild…..

Eigentlich hast Du mein ganzes Leben lang versucht mich abzutreiben.

Ich war doch einfach nur ich- ein kleines Mädchen, das Liebe brauchte und so sehr an seiner Mama hing. Du warst für mich die Schönste und Klügste und alles was ich bekam, waren Schläge und Verachtung.

Du bist nicht die Mutter, die ich so sehr gewünscht und gebraucht hätte.

Ich wäre so gerne in Liebe gezeugt und empfangen, in Liebe geboren und begleitet worden.

Ich verabschiede mich heute davon, dass dies in diesem Leben für mich möglich gewesen wäre.

Es ist vorbei.