Voices from Childhood

 

Brief an meinen Adoptivvater

An den Adoptivvater!

Für meine Mutter hättest Du alles getan, sogar mich umgebracht.
Du hast mir erklärt, wie schlimm ihre Kindheit war, ohne anzusehen, wie schlimm meine Kindheit war.
Meine Mutter hätte mich gerne vernichtet, da war ich noch nicht mal geboren.

Als sie dich kennen lernte, hat sie sich nur bei dir über mich beklagen müssen und schon hast du rohe Gewalt ausgeübt. Du hast mich verprügelt, da war ich höchstens 4 Jahre alt, weil ich Liebe auf dem Schoß meiner Großmutter suchte, denn ihr hattet keine Zeit. Nach dem Essen stand euch Ruhe zu. Ich sollte mich mit „was“ beschäftigen.
Du hast mich von ihrem Schoß gerissen und mich windelweich geschlagen.
Mutter sagte, du hättest es mir oft genug jetzt gesagt, ich solle runter gehen, dann las sie weiter in ihrem Buch.
Ich saß auf dem Boden, war nur noch Scham.
Scham, weil ich Nähe suchte, die mir in euren Augen nicht zustand.
Scham, weil mir langweilig war.

Du hast mich manchmal so geschlagen, dass sie sagte, du solltest aufhören, um doch wegen so einer nicht ins Gefängnis zu gehen.
Den Tod hat sie mir oft genug gewünscht, und angedroht und du hast mir die Angst dazu eingedroschen und eingeredet.

Du hast mich dazu missbraucht, sie zufrieden zu stellen.
Das hast du Liebe genannt.
Dass du mich adoptiertest, dafür sollte ich dir ein Leben lang dankbar sein, damit haben du und Mutter mich klein gehalten. Auch das hieß Liebe.
Die Adoption war für meine Mutter, das konnte ich inzwischen durchschauen.
Sie wollte nicht dauernd an das Kind vom anderen Mann erinnert werden, und wenn es dann schon mal da war, dann musstet ihr alles tun, damit es sich vielleicht sogar selbst vernichtet.
Das hat nicht funktioniert, also habt ihr mir das Leben zur Hölle gemacht.

Jetzt habe ich mich von euch nach fast 50 Jahren, endlich getrennt und kann es so sehen, wie es wirklich war, ohne mir von euch anhören zu müssen, dass ich maßlos übertreibe.
Welch liebende Eltern ihr doch gewesen seid, was ihr doch alles für mich getan hättet, und, dass ich jetzt mal dran sei, etwas für euch zu tun.

Ha, das ist der Gipfel der Verdrehung.
Was ihr für mich getan habt, besteht darin, dass es mich, so wie ich war, gar nicht geben durfte.
Meine Interessen, Wünsche Emotionen, im Keim erstickt, ausgeprügelt.

Ich will euch nie mehr wieder sehen und ich will euch in meinem Leben nicht mehr haben.
Raus mit euch.
Mein Leben gehört mir, auch, wenn ihr mich gerne vom Gegenteil überzeugt hättet, dass es ganz alleine der Mutter gehört, weil sie es mir ja geschenkt hat. Hohn pur!

Nein! Ich habe mir mein Leben in der Zeit mit ihr erkämpft, mich notdürftig schützen können, um nicht drauf zu gehen.
Meine Kindheit fand in der Folterkammer statt. Ich beende diese Folter und will sehen, dass ich erfahre, was es bedeutet zu LEBEN.

Stella

 

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