Voices from Childhood

 

Brief an die Eltern.

15. Oktober 2007

Ich möchte euch am liebsten gar nicht Eltern nennen. Eltern sorgen für ihre Kinder. Eltern beschützen ihre Kinder. Eltern lieben ihre Kinder. Ihr habt mich nicht geliebt. Ihr habt nicht für mich gesorgt und ihr habt mich nicht beschützt. Darum geht es in diesem Brief. Um meine Wahrheit.

Gleich nach meiner Geburt, die nach nicht einmal 8 Monaten im Mutterleib erfolgte, habt ihr mich allein gelassen. Meine eigene Mutter hat mich 4 Wochen allein im Krankenhaus gelassen und mich einmal am Tag für 1 Stunde besucht. Ich wurde mit einer Nasensonde ernährt und kämpfte, ohne dass es irgendjemanden interessiert hätte, um mein Überleben. Ich wusste nicht, ob ich existiere oder nicht. Nichts wies darauf hin, dass ich wirklich existiere ausser wahnsinnigen Schmerzen. Ich habe alle diese Qualen völlig verdrängt, es ging nur um das biologische Überleben. Die Krankenschwestern und Ärzte um mich herum waren blind für meine Qual. Meine Mutter war blind für meine Qual und blieb es den Rest meines Lebens. Ich wurde wie eine kleine Puppe behandelt, ich war jedoch ein Mensch, ein kleiner Mensch, eine winzige Frau, die leben wollte und deren Recht darauf von gefühllosen, sadistischen, brutalen Menschen nicht wahrgenommen wurde. Diese Menschen haben ihr grausames Spiel mit meinen Qualen als Liebe und  Fürsorge ausgegeben. Es war die absolute Hölle, es gibt nichts vergleichbareres. Es gibt nichts grausameres als eine Mutter, die ihr Baby verlässt.
Weil ich niemals etwas anderes als dieses Verlassen erfuhr, habe ich immer geglaubt, keine Liebe und keinen Schutz verdient zu haben. Aber jetzt weiß ich, dass meine Menschenrechte massiv verletzt wurden, auch wenn dies keiner der Beteiligten so ansah. Ich hatte ein Recht auf eine liebevolle Mutter, die mich umsorgt und niemals verlässt, solange ich klein bin.
Mutter, du hast mit deiner abscheulichen Tat meinen vollen Haß und meine Wut verdient. Als du mich endlich zu dir geholt hast, hast du nicht angefangen, mich zu stillen und mich an deinem Körper zu tragen. Diesen Schutz hast du mir nie gewährt, das finde ich unerhört. Du hast mich dafür beschuldigt, dass ich nicht gestillt werde, ich sei ja zu schwach gewesen. Ein Kind, dass so geschwächt ist, das es nicht einmal aus der Mutterbrust trinken kann - was glaubst du, was so ein Kind durchmacht!!! Du hättest alles tun müssen, um mich zum Trinken zu bewegen. Ich werde dir nie verzeihen, dass ich mich immer vor dem Hungertod gefürchtet habe. Auch für meine Frühgeburt habt ihr mich beschuldigt: ich hätte es gar nicht abwarten können, geboren zu werden, ich hätte unbedingt einen Wettlauf gewinnen wollen usw. Ihr seid völlig verrückt!
Als ich 6 Monate alt war hast du, Mutter, mich in eine Kinderkrippe gegeben, von morgens bis abends. Als ich noch nicht einmal 2 Jahre alt war, ist mein Bruder geboren worden, den du mir immer vorgezogen hast, weil er ein Junge war. Du hast ihn gestillt, genau wie meine Schwester, die geboren wurde, als ich 3 Jahre alt war. Ich habe das mitangesehen und niemand hat sich für meine unglaublichen Schmerzen angesichts dessen interessiert. Du bist zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach längere Zeit im Krankenhaus gewesen, und wir hatten schon 3 Umzüge hinter uns. Was glaubst du, was mir das alles ausgemacht hat? Es interessiert dich nicht, was es mir ausgemacht hat, denn du legst nur Wert darauf, als eine liebevolle Mutter angesehen zu werden. Du warst das personifizierte Grauen für mich, eine depressive, abwesende, abweisende kalte Mutter. Zudem hast du mich jederzeit den Angriffen und Übergriffen durch meinen Vater ausgesetzt, der uns schon als Babies schlug, um seinen Haß zu entladen. Ich habe mich mein Leben lang gezwungen euren wahnsinnigen Haß als Liebe anzusehen. Ich tue das nicht mehr. Ein Mann, der seine Kinder schlägt ist in meinen Augen eines schweren Verbrechens schuldig. Du, Vater, hast dich nicht für deine Verbrechen entschuldigt, schlimmer noch, du hast uns beschuldigt und zudem behauptet, du würdest gar nicht schlagen. Meine Wut und mein Haß auf dich kennt keine Grenzen. Ich werde dir niemals verzeihen, was du getan hast. Du bist tot, aber du gehörst in ein Gefängnis. Du, Mutter, warst oft dabei, hast aber immer gleichgültig zugeschaut - damit hast du dich zu seinem Komplizen gemacht, und bist genauso schuldig an seinen Verbrechen. Du bist pervers, denn was soll das für eine Mutter sein, die ihre Kinder nicht schützt. Und du bist pervers, Vater, denn was soll das für ein Vater sein, der seine Kinder demütigt, kontrolliert, schlägt, beschuldigt.
Du hast jederzeit, und ohne dich schuldig zu fühlen oder Konsequenzen zu befürchten, auf mich und meine Geschwister einschlagen können. Wir haben dir geglaubt, haben geglaubt, dass wir ganz böse und schrecklich sind und deine Schläge zu unserer Besserung verdient haben. Ich erinnere mich an ein Weihnachten, als deine Hände verbunden waren, weil sie von einer Hautkrankheit geblutet haben (die sicher Ausdruck deiner kindlichen Qualen war): ich lief zu dir und fragte dich voller Mitleid, wie du uns denn dann schlagen könnest, das müsse doch wehtun. Du hast geantwortet, dass würde schon gehen. Ich war dann beruhigt. Ich erinnere mich auch daran, gerade geschlagen worden zu sein, auf den Po, und dich zu fragen, ob dir denn das nicht wehtue. Du hast auch gesagt, ja, dir würden die Hände wehtun. Ich hatte Mitleid mit dir. Ich bin entsetzt über das Ausmaß an Selbstverleugnung, dass ich damals aufbringen musste. Ich bin entsetzt darüber, tatsächlich selbst keine Schmerzen gespürt zu haben. Ich verurteile deine Grausamkeit und bin empört über deine kaltblütige sadistische Manipulation. Heute muß ich deinen Sadismus nicht mehr als Liebe ansehen, sondern kann es sehen wie es ist: Machtmissbrauch und Gewalt an Unschuldigen. Meine Mutter hat durch ihr Schweigen dein gutes Gewissen noch verstärkt und mein Gefühl, keine Rechte zu haben und unrettbar böse zu sein. Ich verurteile Menschen wie euch.
Du, Vater, bist jeden Tag zu den Mahlzeiten ausgerastet und hast herumgeschrien und alle unterworfen. Du hast dich dann mit Vorliebe auf mich gestürzt und mich angegriffen und zu Boden geworfen. Ich erinnere mich an zwei Vorfälle, bei denen du mich mit deinen Füßen getreten hast, ich habe vergebens versucht, meinen Körper zu schützen. Du hast herumgeschrien, wie hysterisch ich sei, aber gleichzeitig hat es dich erregt, mich zu treten. Das habe ich gesehen. Du, Vater, bist auch ständig nackt herumgelaufen, und hast dich am Unterleib gekratzt. Gleichzeitig hast du meine Weiblichkeit verachtet, ebenso wie dies meine Mutter getan hat. Ihr habt mich dafür verachtet, eine Frau zu sein. Das empört mich sehr.
Du, Vater, hast nach Belieben auf meinen Kopf geschlagen, wenn ich nicht deiner Ansicht war und etwas eigenes gesagt habe. Du hast gleichzeitig behauptet, dass du gar nicht schlagen würdest und mich damit in extreme Verwirrung gestürzt. Lange Zeit bin ich zusammengezuckt, wenn jemand seine Hand bewegt hat, weil ich Angst vor den Schlägen hatte. Du hast mich dafür beschämt und gesagt, ich würde so tun, als ob ich geschlagen würde. Deine Schläge waren an der Tagesordnung, Vater. Du hast gelogen.
Du hast mich nach Belieben gestreichelt oder geschlagen, was ICH wollte, war dir egal. Das hat dich niemals in deinem ganzen Leben interessiert. Du hast meine Meinung, meine Wahrnehmung, meine Wahrheit, meinen Körper gnadenlos unterdrückt und ausgebeutet. Du hast dich von mir massieren, bewundern, anbeten lassen. Schon als ich ganz klein war, habe ich dich massiert. Dies war für mich der einzige Weg, dir nahe zu sein.
Du, Vater, warst eifersüchtig darauf, dass ich eine Mutter habe, und du hast mir bei jeder Gelegenheit das Recht auf eine Mutter-Kind-Beziehung abgesprochen. Du hast nie erlaubt, dass meine Mutter und ich Nähe zueinander empfinden konnten.
Du hast mich abgerichtet wie ein Tier.
Ich erinnere mich daran, wie du einmal nur meiner Schwester gute Nacht wünschtest und mir nicht. In meiner Verzweiflung und Wut schlug ich meine Schwester, als du aus dem Zimmer warst - genauso wie du es mir beigebracht hast. Ich muß zu dem Zeitpunkt zwischen 6 und 8 Jahren alt gewesen sein. Du bist zurück ins Zimmer gestürmt und hast mich verprügelt. Dann habe ich einen Weinkrampf bekommen. Du hast geschrien, dass du mich kalt abduschen musst, wenn ich nicht aufhöre zu weinen. Ich konnte nicht aufhören, und du hast mich dann IM BEISEIN MEINER MUTTER kalt abgeduscht. Ihr seid Verbrecher, so etwas zu tun, und ihr gehört eingesperrt.
Ich habe nie erfahren, was es heißt, geachtet und geliebt zu werden, auch wenn ihr immer behauptet habt, mich zu achten und mich zu lieben. Meine Seele und mein Körper sagen mir ganz klar, dass ich eine solche Achtung und eine solche Liebe nicht erfahren habe.
Ich bin in meinem Leben auf 7 Schulen gewesen bis zum Abitur, wir sind nach eurem Belieben ständig umgezogen, es gab nie Sicherheit oder Kontinuität für mich. Ich habe mir mein ganzes Leben immer eingeredet, ich sei ein Superheld. Aber ich bin kein Superheld. Ich bin ein Mensch, auch wenn ich von euch  nie so behandelt wurde. Ich bin ein Mensch, und ich habe Menschenrechte.
Ihr habt euch niemals für eure Misshandlungen entschuldigt, und du, Vater, bist mit den Worten gestorben, dir tue nur eine Sache leid in deinem Leben, und zwar die Sache mit dem Kind, das aus deinem Fremdgehen entsprungen war. Ich finde es unerhört, dass du dich für deine Greueltaten an den Seelen und Körpern deiner kleinen Kinder nicht schuldig fühlst. Glaub mir, DU BIST ES.
Und glaub mir, Mutter, DU BIST ES AUCH.
Ich lerne gerade, meinen Körper zu spüren, den ich noch niemals gefühlt habe.

 

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