Voices from Childhood

 

Brief an meine Mutter

Liebe Mama!

Mir geht es jetzt wie so vielen an dieser Stelle. Wo anfangen?

Bei meinem letzten Besuch bei Dir? Drei Tage habe ich mir Zeit genommen, wie üblich war das Auto voller Tüten mit Lebensmitteln, Lachs, feinem Honig, Geräte die das Haushalten erleichtern, Blumen und den Vorsatz schöne Stunden mit Dir verbringen zu können. Vielleicht, vielleicht........
Und immer wieder verdächtigst Du mich, unterstellst mir geradezu lächerliche Dinge. Brichst morgens um 6 Uhr Deinen Kasten auf in welchem Du Dein Geld aufbewahrst, weil Du den Schlüssel nicht grad findest. Zitierst mich (wie oft schon) an den Ort des Vergehens! Natürlich hab ich Dir den Schlüssel geklaut, natürlich hab ich Dein Bankfach geräumt (dass ich keinen Schlüssel dazu habe tut nichts zur Sache, vielleicht hat ja die Beamtin mir geöffnet??????), ach, Mama es ist uferlos. Uferlos. Natürlich hab ich Deine ureselalte Schere entwendet, sie über hunderte Kilometer nach Hause genommen, stumpf gemacht um sie dann klammheimlich wieder in die Schublade zu legen. Ja Mama, jetzt würden viele wohl denken, nun das ist eine alte Frau und die hat paranoide Wahnvorstellungen. Klar so ist es auch, nur der Umstand dass das immer schon so war, der macht das Ganze brisant.

Dabei geht es gar nicht darum, dass ich Dich wohl beklaut und betrogen haben soll. Es geht einzig und allein darum, mir ein schlechtes Gewissen zu machen um an meine Kraft zu kommen. Deine Macht an mir zu beweisen. Mich zu demütigen!

Erinnerst Du Dich? Wir sitzen um den Tisch, mein Mann, die Eltern meiner Schwiegertochter (ja um Himmels Willen, ich bin selbst schon Oma) und jeder weiss, dass ich praktisch keinen Alkohol trinke. Manchmal nippe ich am Glas so mehr zum Schein. Es schmeckt mir nicht.
Du: ICH merke immer wenn du zu viel getrunken hast!
Ich: Wie bitte? Alle sind baff erstaunt! Aber Mama, ich trink doch nicht.
Du: Doch doch, ich merk es IMMER.
Mein Mann: Aber sie trinkt doch gar nichts.
Du: ICH kenne dich, MIIIIIR musst du nichts erzählen.
Betretendes Schweigen.

Monate später kommt dieses Thema auf.

Ich: Mama wieso sagst Du eigentlich so was?
Du: Jetzt reg dich nicht auf und sei doch nicht so empfindlich - wenn ICH immer so wäre!!!!!

Dieses Beispiel zeigt so gut, in welchem Wahnsinn ich gross geworden bin. Gerne hätte ich für jede Ohrfeige von Dir (manche waren mehr als heftig) 10 Euro. Ich könnte eine schöne Reise machen. Aber natürlich, Du hast mich nieeeee geschlagen, ich habe ja immer schon eine lebhafte Phantasie gehabt. Auch damals als Du mir androhtest, die Hände am Abend wenn Papa heimkommt ins offene Feuer zu halten, weil ich an meinen Nägeln gekaut hatte. Mama ich war vielleicht gerade mal 4 Jahre alt! Und ja, ihr seid mit mir an die offene Ofentüre gegangen. Oder als Ihr mich in eine Wolldecke gepackt habt (ich seh sie vor mir mit der braunen Häkelumrandung) hinunter zum Saustall gingt und mich in den Koben gehalten habt zu der Muttersau. Die hat geschrieben, die Ferkel haben geschrieben und ich hab mich so geschämt vor allen die da standen. Ich hatte wieder einmal mein Bett nass gemacht während des Mittagsschlafs. Ich wäre ja auch ein Ferkel!!!!! Ihr hatte Euch so fürchterlich gestritten und mein Bruder hat am Vortag den Kochlöffel an seinem Hintern zerschlagen bekommen. Aber Mama, ich war auch manchmal blau und schwarz bis in die Kniekehlen. Nein, Du hast mich nie geschlagen, sagst Du, das sei nur Papa gewesen.
Und immer nur, wenn Du nicht da warst! Mama das stimmt nicht, Papa hat uns nur geschlagen, wenn Du gehetzt hast was das Zeug hielt und endlich hattet Ihr wenigstens etwas Gemeinsames, Ihr konntet Eure Aggressionen an uns auslassen.

Aber Du warst ja die beste Mutter der Welt. Scheisse.............Manchmal, ja. Du hast gut für uns gesorgt, uns gekocht, Kleider genäht und alles sauber gehalten. Aber für unsere Seelen warst Du eine Katastrophe.

Und nun, ich schäme mich zu sagen, ich bin über 65! Ich kümmere mich nach wie vor um Dich und dann geht das einige Wochen gut und dann erwacht er, der Drache in Dir. Wie aus dem Nichts heraus kriegst Du diesen starren Blick, die Überheblichkeit in der Stimme und aus der Traum.

7 Monate hatte ich mal keinen Kontakt zu Dir, weil Du mich so unerträglich verdächtigt hast, Dich bestohlen zu haben. Du hast mir über Wochen die Hölle heiss gemacht. Es klingt so pathetisch, Gott ist mein Zeuge, nie habe ich auch nur einen Rappen von Dir genommen! Im Gegenteil, ich verwöhn Dich wo ich kann, bring Dir feine Parfums, Körperpflegemittel, feine hübsche Kleidung.....,
Du bist über 90, siehst immer noch gut aus, bist gesund und frisch, aber Du jammerst ohne Ende. Eine Katastrophe: Deine Schulter schmerzt!!!!! Eine Katastrophe sagst Du. Du kannst alles essen was Du möchtest, hast eine schöne Wohnung, kannst Musik hören und wärst auch zu Fuss gut unterwegs, wenn Du denn mal Deine Wohnung verlassen würdest.. Da wartest Du lieber bis ich komme.................

Deine ewigen Verdächtigungen, wie satt ich das alles habe, Deine Unterstellungen, Deine Boshaftigkeiten ohne Ende, Deine Lügereien. Und alle glauben, was für eine tolle Frau das ist!!!! So charmant, klug, ach was haben Sie denn für eine tolle Mutter!!!! Scheisse. Nun, wir kennen Dich besser Mama. Zum Glück habe ich Brüder die Dich kennen und mein lieber gütiger Mann würde es keine Woche mit Dir aushalten wie er sagt. Ich wusste nicht, dass es so mittelpunktsüchtige Menschen gibt! Meint er.

Ein kleiner Ausschnitt aus einem lebenslangen Krampf. Meine Schwester ist diesen Frühling gestorben. Sie hat Dich über 10 Jahre nicht besucht. Und obwohl sie Tage zuvor wusste, dass sie sterben würde, wollte sie keinen Kontakt zu Dir mehr. Ich will mit dieser Frau nichts zu tun haben, ich brauch meine Kraft für mich alleine, unsere Mutter ist ein Energievampir. Recht hat sie.

Und was bindet mich denn an Dich? Ja ich geb es zu, manchmal hasse ich Dich aus tiefstem Herzen, da ist so viel Wut in mir, in Gedanken hab ich Dich schon geschüttelt und im Traum schreie ich Dich manchmal an, dass die Wände wackeln.

Den Kontakt zu Dir, abbrechen? Ja, das wär wohl das Gescheiteste. Dann hängt alles an meinem ältesten Bruder alleine, der andere hat sich schon vor Jahrzehnten ans andere Ende der Welt abgesetzt. Und ich sag mir schon seit mindestens 15 Jahren, jetzt ist sie schon so alt, lange kann das ja nicht mehr dauern, aber Mama, Du wirst noch 100 und ich gönn Dir das auch! Wirklich! Aber ohne mich. Ich mag Dich nicht mehr. Dabei hättest Du die beste Tochter der Welt haben können. Scheisse.........hässliches Wort, aber es hilft.

Soll ich jetzt schreiben: Deine Tochter? Nein, ich bin nur Dein Schuhabstreifer, Deine Energiezapfsäule, Dein Psychiater, Deine Klagemauer, Dein Publikum für Deine Grossartigkeit, Dein Ohr das sich all Deine Heldentaten aus längst vergangener Zeit zum 10000000sten Mal anhören darf, ich mag nicht mehr..............