Voices from Childhood

 

 

Die Amsel


 
Wenn sie aus ihrem Winterquartier zurückgekehrt war, hatte eine Amsel ihr Revierzentrum auf der Spitze eines Baumes vor meinem Kinderzimmerfenster. Ihr Gesang weckte mich morgens auf und sang mich in den Schlaf – von Kindheit an bis zu meinem Auszug mit 18. Sie war der einzige Trost, den ich kannte und das einzig Schöne, an was ich mich von meiner Kindheit erinnern kann. Deswegen möchte ich den Titel meiner Geschichte ihr widmen.

Du (mein Vater) bist vor zwei Jahren gestorben, ich war nicht auf der Beerdigung, habe auch nicht mein Erbe eingefordert, weil Geld mir nicht ersetzen kann, was Du mir genommen hast und weil ich von Dir nichts mehr wollte, nicht einmal mehr Dein Geld. Ich habe einen ganzen Monat Deinen Tod gefeiert.

Man sagt zwar, dass Babies keine Erinnerungen haben, aber ich kann mich dunkel daran erinnern, dass ich auf dem Wickeltisch lag und Du über mir standest und ich Deinen kranken, tödlichen Hass fühlte. Das war die erste Begegnung für mich mit Deinem kranken Hass, den Du Zeit Deines Lebens auf mich hattest und der sich in emotionaler, verbaler und sexueller Gewalt entlud.

Es begann mit Hoppehoppereiterspielchen, bei denen Du immer so glasige Augen hattest, was mir nicht gefiel. Irgendwann wehrte ich mich total dagegen und das endete dann in der ersten Vergewaltigung durch Dich. Da war ich ca. 5 Jahre alt. Danach hast Du mich immer wieder vergewaltigt, immer auf meinem Bett, immer, in dem Du Dich auf mich rauflegtest und ich von der übermächtigen Größe eines erwachsen Mannes (so als wenn man als Erwachsene von einem Elefanten vergewaltigt wird) komplett erdrückt wurde. Ich hatte Todesängste und absolute Ohnmachtsgefühle. Als ich meine erste Menstruation bekam, hast Du aufgehört, denn Du hättest mich schwängern können – ein eindeutiger Beweis. Den Missbrauch verdrängte ich danach weitestgehend, er lebte weiter in einschlägigen Alpträumen und in der psychischen Erkrankung meiner Mutter, an der sie dann in meiner Pubertät litt und ich instinktiv wusste, dass das nicht an offiziellem Grund ihre schlimmen Kriegskindheit lag, sondern dass sie an etwas Aktuellem litt.

Auch dort war Dir nicht nur egal, was das für mich bedeutete, meine Pubertät mit einer psychisch kranken Mutter verbringen zu müssen, ich war selbstverständlich Schuld an ihrer Erkrankung, sowie ich an allen Schuld war, was nicht glatt lief in Deinem Leben. Als ich relativ spät meinen ersten Freund und damit meinen ersten sexuellen Kontakt und meinen ersten Besuch beim Frauenarzt hatte, dämmerte mir, was Du mit mir in meiner Kindheit gemacht hast, denn die Folgen waren ersichtlich. Ich weiß nicht, ob ich das alles meiner Mutter jemals gesagt habe, zumal ich auch gar nicht so recht wusste, was Du da mit mir machst (die Sexualaufklärung war damals noch nicht so weit) und auch nicht, dass das eine Straftat ist. Ich bezweifle auch, ob das überhaupt etwas gebracht hätte, denn meine Mutter hat Dich mehr geliebt als mich und war ja auch vollends abhängig, der Rest der Familie waren ichbezogene Rabenmütter. Ich weiß noch, als ich das mal meiner Tante mütterlicherseits erzählte, war ihre Reaktion darauf "dann wird er ja meine arme Schwester auch mit anderen Frauen sexuell betrogen haben".

Über den Missbrauch heraus war meine Kindheit von ständigen verbalen Demütigungen überschattet, für Dich war ich ein schreckliches, ekliges, unliebenswürdiges Kind. Dass Du selber einen eher bescheidenen Bildungsgrad hattest, meine Mutter alles andere als eine helle Kerze auf der Torte war und ich es trotzdem geschafft habe, aus eigener Kraft Abitur zu machen und zu studieren, hat Dich nie interessiert oder mit Stolz erfüllt.

Als ich mit Anfang 20 mal daran dachte, Dich deswegen zu verklagen, starb ja meine Mutter (und damit die einzige Zeugin) unter rätselhaften Umständen, was Dir natürlich sehr gelegen kam, erstens hatte ich nichts, worauf ich meine Klage hätte bauen können, zweitens war der Weg frei für die neue Frau in Deinem Leben.

Man sagt ja immer, das Vergebung das Wichtigste wäre, irgendwie habe ich da diesbezüglich nie dran gedacht, weil ich mir immer sagte, dass das, was Du mir angetan hast, so schlimm ist, dass nur Gott Dir vergeben kann.

Ich lebe als Spätfolgen ein Leben auf Halbmast, vor eigener Mutterschaft hatte ich Angst, weil ich nicht wusste, ob ich vielleicht ähnliches an meinen eigenen Kindern auslasse. Ich leide Zeit meines Lebens an Schlafstörungen, die sehr beeinträchtigend sind und leide an gestörtem Essverhalten. Eine Therapie habe ich versucht, aber der Therapeut machte sehr deutlich, dass Fälle wie der meine als nicht therapierbar gelten. Ich habe einen Ehemann, der das ganze Gegenteil von Dir ist und sich im Laufe der Zeit als ähnlich schwer krank erwies wie Du, meine Ehe ist eine kleine Hölle, aus der es aus diversen Umständen keinen Ausweg gibt. Dein ständiger Hass, Deine ewige Verachtung für mich hängen mir an und haben mir eine unschöne Ausstrahlung gebracht, die sich im Verhalten meiner Mitmenschen mir gegenüber widerspiegelt, ich bin sehr einsam.

Ein Versuch von mir, Dich mit allem zu konfrontieren, lief natürlich ins Leere und dahin, dass Du mich einfach für psychisch krank erklärt hast. Du hattest nie den Mumm, Dich zu stellen.

Fremde Kinder konntest Du immer lieben, mich, Dein einziges leibliches Kind nicht, ich werde nie verstehen, warum.

Als ich von der Möglichkeit Kenntnis bekam, diesen Brief zu schreiben und zu veröffentlichen, dachte ich, ich wäre mehr mit Hass erfüllt. Ich bin es zu meiner eigenen Verwunderung nicht. Da ist nur Trauer.

 

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